Stillen
Für das Open Art Festival 26 möchte ich zwei Fotografien ausstellen, die bereits im Jahr 2020 entstanden sind, die ich jedoch bislang noch nie in einem Ausstellungskontext gezeigt habe.
Es handelt sich um ein Bildpaar aus meiner Werkgruppe "Stillen" (siehe Anhang). Ausgangspunkt für diese Auswahl sind zum einen das Leitmotiv des Festivals, "Unverfügbarkeit", und zum anderen zwei kleine Schaukästen, die mir kürzlich bei einem Spaziergang durch die Innenstadt aufgefallen sind. Die Schaukästen, die ich jeweils mit einer der Fotografien bespielen würde, befinden sich direkt am Bertholdsbrunnen, an der Ecke eines Geschäftshauses.
Die Arbeit trägt den Titel "Stillen" – ein Verb. Gezeigt wird jedoch nicht der Akt des Stillens selbst. Stattdessen sehen wir lediglich das Bein der stillenden Person; wir nehmen ihre Perspektive ein. Der Blick ist nach unten gerichtet, auf den eigenen Körper, auf das, was in diesem Moment sichtbar ist. Das Baby bleibt – wenn überhaupt – nur angedeutet. Es geht mir um das, was durch das Stillen geschieht: um die Zwangspause, um das Stillwerden, um das Beobachten.
Als Stillleben angelegt, verweisen die Fotografien auf eine sehr private Erfahrung: das Kinderkriegen und Kinderhaben. Für mich ist dies ein Inbegriff von Unverfügbarkeit – eine Zeit, in der sich der eigene Körper, der eigene Rhythmus und der Blick auf die Welt nicht planen oder beschleunigen lassen. Das Stillen bringt Zwangspausen mit sich, Momente des Innehaltens und der Bindung an einen körperlichen Zustand.
In einem Gedicht, das ich in derselben Zeit geschrieben habe, heißt es:
„Sie wird gestillt, ich werde still. Ich werde still, mein Blick wird wach.“
Dieser Gedanke ist zentral für die Arbeit. Der Titel Stillen benennt nüchtern, was getan wird, verweist aber zugleich auf einen Zustand. Nicht nur das Baby wird still, auch die stillende Person kommt zur Ruhe, wird festgehalten in einer bestimmten Haltung, unterbrochen in dem, was sie zuvor getan hat. Dieses Stillwerden hat etwas Gebundenes, Körperliches – und eröffnet zugleich einen wachen, beobachtenden Blick.
Das Diptychon besteht aus zwei Fotografien, die sich formal sehr ähneln und sich inhaltlich deutlich unterscheiden. In dem einen Bild gibt es keinen direkten Hinweis auf das Stillen. Es zeigt ein Stillleben: Bein, Fuß, Stofffalten, Farben und Flächen, eine ruhige, beinahe abstrakte Komposition. Im zweiten Bild erscheint das Baby angeschnitten und unscharf im Vordergrund – ein leiser Hinweis auf die Tätigkeit. Der formale Unterschied zwischen den Bildern ist gering, der Bedeutungsunterschied jedoch groß.
Das Wechseln zwischen den beiden Fotografien erfordert genaues Hinsehen. Jedes Bild lässt sich nur einzeln wirklich erfassen, nie vollständig gleichzeitig. Betrachtende geraten selbst in einen Zustand des Vergleichens und Beobachtens. Wir sehen zwei Bilder und werden mit zwei Zuständen konfrontiert, mit zwei Leben, mit zwei Rollen, und auch: mit zwei Menschen. - Und zugleich daran erinnert, dass Fotografie immer nur einen Ausschnitt zeigt, niemals das Ganze.
Im Kontext des Open Art Festivals treffen diese stillen, privaten Bilder auf einen öffentlichen, lauten, von Bewegung geprägten Ort. Durch die Eck-Situation der Schaukästen lassen sich die Fotografien teilweise gleichzeitig wahrnehmen, im Ganzen jedoch nur einzeln betrachten. Der Blick der stillenden Person wird für einen Moment zum Blick der Betrachtenden – ein fragmentarisches Sehen, das keine vollständige Kontrolle erlaubt. Unverfügbar.
Zeiten
- durchgängig geöffnet -- Installation
- Intervention
- Fotografie
- Ausstellung